Bismarckeiche an der Rotenwaldstraße



Bis weit in die zweite Hälfte des 19. -Jahrhunderts waren viele Straßen ins Umland Stuttgarts noch nicht angelegt, die uns heute vertraut sind und täglich stark befahren werden. Mit der Entwicklung des Stadtgebiets Richtung Westen beispielsweise und der Eröffnung des Westbahnhofs, der anfangs Hasenbergstation hieß, ergaben sich auf dieser Seite der Stadt seit 1879 manche Veränderungen. Dazu gehörten nicht nur zahlreiche Spazierwege, sondern auch eine direkte Fahrstraße vom Westbahnhof zum Birkenkopf.

 

Die neue Verbindung entstand ab 1892, um die alte Straße nach der Solitude und Leonberg die steile Hasenbergsteige zu entlasten. Sie führte durch das heutige Gewerbegebiet Hinterer Vogelsang hinter der Bahnstation in Serpentinen durch den Rotenwald den Hang hinauf und mündete am Birkenkopf in die Staatsstraße, die vom Hasenberg herüberkam. Wegen der schönen Ausblicke auf Stuttgart, die sich an der neuen kurvigen Straße boten, erfreute sich diese bald großer Beliebtheit und wurde auch "Panoramaweg" genannt.

 

In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung errichtete der Verschönerungsverein am Rand der Straße sogleich mehrere kleine Grünanlagen. Besonders schön war der freie Blick über den Stuttgarter Westen und den Talkessel an einer Kehre oberhalb der Bahnstation. Hier wollte der Verein eine kleine Anlage mit hölzerner Schutzhütte gestalten, gekrönt von einer Eiche zu Ehren Otto von Bismarcks. Leider fehlten dem Verein wegen seiner Aktivitäten auf der Karlshöhe noch die nötigen Mittel. Deshalb stiftet die nationalliberale Deutsche Partei zumindest eine junge Eiche, die am 1. April 1894 gepflanzt wurde und unter lebhafter Beteiligung der Bevölkerung, der Stadtverwaltung und auch des Verschönerungsvereins feierlich den Namen "Bismarckeiche" erhielt.

 

1909 wurde der Verlauf der Straße nochmals verändert. Nun erhielt sie ihre heutige Trasse über den

Tunnelmund hinweg, weshalb der Verschönerungsverein beschloss, anlässlich seines 50-jährigen Bestehens im Jahr 1911 direkt über dem Steilhang zum Westbahnhof die weitgehend zerstörte erste Anlage an der Eiche zu einer neuen Aussichtsplatte umzugestalten.

 

lm Vergleich zu den früheren Anlagen war ihr Erscheinungsbild eher städtisch: Dem Hang zu war sie von einer massiven Steinbrüstung umgeben, und ebenfalls aus Stein war das tempelartige Schutzhaus mit seiner Säulenhalle und dem hohen Giebel. Ein Jahr später hielt vor der Plattform bis 1939 sogar die Straßenbahn. Für die Gestaltung der Anlage und der Halle sorgte Stadtbaurat Albert Pantle, für die gärtnerische Zier wie im Verein üblich Gartendirektor Paul Ehmann.

 

Das Vereinsjubiläum fiel in dasselbe Jahr wie die Silberhochzeit des Königspaares am 8. April 1911. Weil sich der Verein seinem Protektor zu Dank verpflichtet sah, richtete man im März 1911 an Wilhelm lI. und Königin Charlotte die Bitte, ihnen zu Ehren eine Gedenktafel aufstellen zu dürfen, Kabinettschef Julius von Soden antwortete zwei Tage später:

 

Von der Herstellung einer Anlage mit Pavillon bei der Bismarckeiche durch den Verschönerungsverein der Stadt Stuttgart und von dessen Absicht, zur Erinnerung an die silberne Hochzeit Ihrer Majestäten dieser Anlage einen Gedenkstein mit dem Bronzerelief Ihrer Königlichen Majestäten anbringen zu lassen, haben König und Königin mit aufrichtiger Freude und Genugtuung Kenntnis genommen und mich beauftragt, dem Verein für diesen Beweis treuer und anhänglicher Gesinnung den herzlichsten Dank auszusprechen. lhre Majestäten geben zur Aufstellung des Steines gerne lhre Genehmigung und werden sich freuen, die Anlage nach ihrer Vollendung einmal persönlich besichtigen zu können.

 

Das Bronzerelief mit den Profilportraits des Königspaares, einer Widmung und den mit einer Krone verzierten Initialen C und W schuf Bildhauer Melchior von Hugo. Angebracht wurde es auf einem gewaltigen, etwa vier Meter langen und fast I7 Tonnen schweren Findling aus Buntsandstein aus dem Forstbezirk Neuenbürg im württembergischen Schwarzwald. Es dauerte allein zehn Tage, um den Steinkoloss von seinem Fundort bis zum nächsten Waldweg zu bringen. Von dort wurde er zum Bahnhof Neuenbürg transportiert, auf einen extra schweren Wagen verladen und zum Stuttgarter Westbahnhof gebracht.

 

Am 5. Dezember 1911 besichtigte das königliche Paar samt Gefolge die Anlage an der Bismarckeiche und den Gedenkstein. Oberforstrat Friedrich von Keller, der Vorsitzende des Verschönerungsvereins, und die Mitglieder des Vereinsausschusses hatten sich dort versammelt. Von Keller dankte dem Königspaar in einer kurzen Ansprache für die vielen Gnadenerweise der zurückliegenden Jahre und sprach seinen Glückwunsch zum Ehejubiläum aus. Der König selbst dankte dem Verein für dessen verdienstvolles Wirken, hob die herrliche Lage des Denkmals hervor und überreichte einigen Herren die silberne Erinnerungsmedaille.


Seit jenem Wintertag kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als das Königspaar die Anlage besuchte, ist an der Bismarckeiche viel geschehen. Vor allem wurde aus dem kleinen Sträßlein durch den Rotenwald mit zunehmendem Verkehr seit den 1960er-Jahren eine Hauptverkehrsstraße, die 1970 sogar vierspurig ausgebaut werden sollte. Dies hätte das Ende der Anlage bedeutet. Doch auch mit nur drei Fahrspuren fristet diese heute ein Schattendasein. Eine Haltestelle gibt es Mangels Straßenbahnverkehrs schon lange nicht mehr, an der Straße will niemand mehr spazieren gehen, und der freie Blick auf die Stadt ist ohne regelmäßiges Freischneiden in manchen Monaten kaum möglich. Die massive Unterstehhalle ließ der Verein 1978 abbrechen, weil ihre Sanierung auch angesichts der wenigen Besucher zu kostspielig war.

 

Somit bewunderten auch nur noch sehr wenige Spaziergänger den mehrere Tonnen schweren Findling mit den Reliefportraits des letzten Württembergischen Königpaares Wilhelm II. und Charlotte, den der Verein zu deren Silberhochzeit im Jahre 1911 hatte aufstellen lassen.

 

Obwohl seit etwa 1981 sicher war, dass die Anlage mit den Gedenkstein erhalten bleiben kann, dachte der Vereinsausschuss mehrfach über einen alternativen Standort auf einer der übrigen Vereinsanlage nach. Es bestand jedoch die Gefahr, der Stein könne beim Transport zu Bruch gehen. Deshalb entschied man sich dafür, ihn und die Bildnisse, die von Bildhauer Melchior von Hugo stammen, an ihrem Platz zu belassen, und statt dessen Bronze-Abgüsse des Reliefs anfertigen zu lassen, die im Oktober 1986 in Absprache mit Kulturamt, Stadtplanungsamt und Stadtbücherei am Eingangsportal des Wilhelmspalais angebracht wurden.

 

Die Aussichtsplatte Bismarckeiche bleibt mit ihrem Gedenkstein bestehen. Dies war seit Oktober 1986 sicher nachdem die Diskussion um eine Versetzung des 1911 errichteten Gedenksteins endgültig beendet und ein Abguss des Reliefs am Eingang des Wilhelmspalais angebracht war. Über diesen Abguss freuten sich viele Stuttgarter und die Vereinskasse, denn eine Versetzung wäre doppelt so teuer gewesen. Der Weg war damit frei für eine grundlegende Sanierung der Anlage. Dabei wurden 1987 die letzten Mauerreste des früheren Unterstehhauses beseitigt, das Gelände planiert, anschließend wieder begrünt und die Anlage gartenmäßig hergerichtet. Regelmäßig wird die Aussicht vom Gartenamt freigeschnitten, was die Deutsche Bahn als Eigentümerin des Hangs unter der Anlage erfreulicherweise genehmigt.

 

Durch die sehr großzügige Spende von Herrn Dr. Werner Schairer konnte der Verein Stein, Plakette und Umfassungsmauer der Anlage im Jahre 2012 sanieren. Am Vorabend des Sommeranfangs wurde die Sanierung mit dem Spender Dr. Schairer und einem kleinen sommerlichen Fest gefeiert.

 

Bildergalerie

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Standort

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